Dienstag, 20. September 2011

Fehlendes Wachstum, nicht die hohe Verschuldung ist Italiens Kernproblem

Heute nacht hat die Ratingagentur S&P die Kreditwürdigkeit Italiens um eine Stufe auf A nach unten korrigiert. Es ist interessant, dass die Experten diese Entscheidung nicht in erster Line mit dem enormen Schuldenstand von etwa 120% des Bruttoinlandsproduktes begründen, sondern mit den düsteren Wachstumsaussichten des Landes. Die Prognosen für dieses Jahr liegen nun nicht mehr bei 1,3% sondern nur noch bei schlappen 0,7%. Bei dieser schwachen Dynamik wird es schwer, die angestrebten Steuermehreinnahmen auch tatsächlich zu realisieren.
Der Kern der News ist folgender, wie ich schon vorgestern in meinem Blog argumentiert habe: es ist nicht sinnvoll, die aktuelle Krise in Europa ausschließlich auf die Schulden zu schieben. Mangelndes Wachstum spielt eine mindestens genauso wichtige, vielleicht sogar noch wichtigere Rolle. Im Falle Italiens ist dieses Thema nach fast 20 schlappen Jahren besonders drängend. Wer meint, dass das Land nur sparen muss, um wieder auf die Beine zu kommen, befindet sich auf dem Holzweg. Viel wichtiger wären Reformen, um die verkrusteten Strukturen aufzubrechen. Nota bene: dafür würde man gar kein Geld benötigen, nur politischen Willen. Aber der fehlt in der derzeitigen Regierung von Silvio Berlusconi, wie auch S&P heute richtigerweise anmerkt. Je früher der alte Mann Platz macht für einen Neuanfang, desto besser für sein Land.

Kommentare:

  1. Marcello: Den Verdacht, dass Berlusconi dem Land nicht gut tut hat man nördlich der Alpen schon länger. Das zeigt ja auch heute seine Reaktion: Alles halb so wild, S&P hat keine Ahnung, etc..
    Und das Rauswachsen aus den Schulden dürfte bei dem Wachstum und der demografischen Entwicklung auch nicht funktionieren.
    Nur: Was kommt dann? Wird ein Nachfolger in dem von mir sehr geschätzten Urlaubsland wirklich brutaleStrukturreformen a la Griechenland durchziehen? Wie heißt denn der Gerhard Schröder von Italien? Give us hope...

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  2. Ich sehe in der politischen Arena derzeit niemanden, der den Mumm und den Mut hätte das Notwendige zu tun. Berlusconi hat nach fast 20 Jahren in der Arena nicht nur Tabula Rasa im bürgerlichen Lager gemacht sondern die sozialdemokratische Opppsition gleich mit in den Strudel gezogen. Das wird dauern. Was ich mir indes mit einer 20%igen Wahrscheinlichkeit vorstellen kann, ist dass der Schmerz bald so groß wird, dass eine "technische Regierung" an die Macht kommt, beispielsweise unter Führung des EU- Kommissars Mario Momti. Er hätte Format und Vision, Italien nachhaltig zu verändern. Aber wie gesagt: Wahrscheinlichkeit liegt nicht hoch...

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  3. Wollte natürlich schreiben: EHEMALIGEN EU-Kommissars Mario Monti. Noch was zu den "griechischen" Reformen: viel zu finanzlastig, viel zu wenig strukturell. Italien würde aber Strukturreformen brauchen. Vor allem Liberalisierungen vieler geschlossener Märkte, von den Taxifahrern bis zu den Steuerberatern.

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  4. wolfgang Drechsler20. September 2011 um 19:35

    das klingt ja alles andere als hoffnungsvoll. Eine "technische Regierung" als beste aller Welten - und selbst dann nur mit 20% Wahrscheinlichkeit... Bist Du wirkloch derart pessimistisch, selbst jetzt in einer derartigen Notlage? Irgendwie erinnert mich Italien frappant an Argentinien. Auch dieses Land zahlt einen hohen Preis dafür, dass die Menschen dort mit Vorliebe populistischen Führern wie Peron, Menem oder Kirchner hinterherrennen. Bedrückend vor allem, dass Berlusconi immer wieder gewählt wurde und nach allen Skandalen noch immer im Sattel ist, wie fest sei einmal dahingestellt. Nach dem, was Du schreibst, würde ich ehrlich gesagt Italien ganz harte finanzielle Daumenschrauben anlegen und das Land, wenn es nicht wirklich endlich mit schmerzhaften Reformen beginnt, auch an die Wand fahren lassen. Nach dem, was Du schreibst, kann vielleicht nur ein Knall den notwendigen Neuanfang forcieren. Wobei ich mir im Klaren bin, dass die Folgen einer solchen Politik auch in Deutschland zu spüren wären.

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  5. Wolfgang Drechsler20. September 2011 um 21:51

    Nun muss ich mich gleich selber korrigieren. Habe eben im "Economist" dessen (zwei Seiten langen) Leitartikel "How to save the Euro" gelesen - und bin danach etwas vorsichtiger. Die Kosten einer Abschaffung / Spaltung des Euro, ganz zu schweigen eines Auseinanderbrechens der EU, sind offenbar doch riesig (jedenfalls weit größer als eine Rettung) - und zudem völlig unkalkulierbar. Und ein Abfall eines großen Landes wie von Italien quasi undenkbar. Umso bedrückender, dass die dennoch unausweichlichen Strukturreformen dort schon jetzt auf solch enorme Widerstände stoßen wie Du sie beschreibst. Ob Europa unter diesen Umständen wirklich im zweiten Anlauf eine erfolgreichere Einheit gelingt, darf bezweifelt werden. Aber den Versuch ist es wert, zumal uns wohl keine Alternative bleibt...

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